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Arnd Wesemann : Lovers Leap Essay

"Durch den Baum gesagt" ("Said Through The Trees") von Arnd Wesemann, Frankfurter Rundschau:
Da reden Unsichtbare über Zensur und verteidigen die Freiheit der Rede...

"There are invisibles (invisible bodies) speaking about censorship. They are defending free speech"

Miroslaw Rogala sieht in dieser vom Internet verwirklichten und zu verteidigenden Freiheit der Rede eine deutliche Parallele zum Geist des Panoramas.

"Miroslaw Rogala sees freedom of speech (which is successfully established on the Internet), as having to be defended....and as a significant parallelity to the spirit of the panorama".

Darum steckt im Panorama des für gewöhnlich des puren Illusionismus bezichtigt wird nihct nur der Geist des Gesamtkunstwerks, sondern auch der des Pluralismus.

"Therefore, there is in the panorama (which is usually pure illusionistic), not only the spirit of the "complete artwork" but also the spirit of pluralism."

Dass die freie Rede nichts anderes sei als eine perspektive Verschiebung von Ansichten zu den im Grunde immer ähnlichen Wünschen und Hoffnungen der Menschheit, das versucht Rogala in seinem eGarden im World Wide Web zu zeigen.

"Rogala, with his eGarden on the world wide web, tries to prove that free speech is a perspective shift of points of views of the hopes and wishes of mankind."
Arnd Wesemann
t. +49 (0)171 8320063
http://www.ballet-tanz.de

Internet-Kunst: Der eGartenEtwas Blumiges zum Thema «Internet und Politik». Einst erhob sich der Ruf nach öffentlicher Mitbestimmung aus den öffentlichen Gärten. Speaker's Corner im Londoner Hide Park und der Bughouse Square in Chicago sind die Vorbilder einer vor allem angloamerikanischen Streitkultur, die auch im World Wide Web Konjunktur hat. Wenigstens entfernt entspricht das Browsen durch die Labyrinthe des Internet einer sonntagnachmittäglichen Promenade, wenn auch durch ekünstlichen Elektro-Botanik. In Chicago ist nun ein realer Garten gefunden worden, der Washington Square Park an der Clark Street, dem die örtliche Kunsthändler-Vereinigung weltweite elektronische Präsenz verliehen hat: der «eGarden». Statt Mut, demagogischer Gebärde und Klappleiter, die in der Realität für die notwendige Theatralik zur freien Meinungsäußerung notwendig sind, reichen nun ein Internet-Zugang und die Adresse http://www.rogala.org.

Hinter «Rogala» verbirgt sich der aus Polen exilierte Medienkünstler Miroslaw Rogala. Geboren 1954 in einem Dorf bei Kraków, gehört er zu den derzeit engagiertesten Künstlern im Bereich der interaktiven Medien. 1975 ließ er Fotos noch per Keyboard abrufen; heute ist der gelernte Fotograf vor allem durch den Einsatz einer Software namens QuickTimeVR bekannt: ein Panorama-Verfahren, um einen fotografischen 360-Grad-Rundumblick zu gewährleisten, wie er auf den Erfinder des Panoramas, den irischen Porträtmaler Robert Barker zurückgeht. Barker baute 1793 eine Rotunde am Londoner Leicester Square, die den Menschen in den Mittelpunkt eines überschaubaren Universums stellte: Naturansichten und Schlachtengemälde sollten den Stadtbewohner erheben, der keinen Berg mehr besteigen mußte, sondern sich zur Mittagspause für ein paar Pennies auf einem künstlichen Gipfel an der Alpennatur erfreuen konnte.

Dasselbe Verfahren ist nun im Internet zu betrachten: eine panoramische Rundumsicht des Washington Square Parks in Chicago, auseinanderdividiert durch eine panoramische Fotografie. Weil eine Rundumansicht des Gartens naturgemäß auf keinen Bildschirm paßt, klickt sich der Betrachter per Maus um seine eigene Achse. Wo immer er sich hinwendet, von überall dringen Stimmen auf ihn ein: Da reden Unsichtbare über Zensur und verteidigen die Freiheit der Rede, die es im Internet durch die Leugnung nationaler Grenzen erlaubt, auch unerwünschte Positionen einnehmen zu dürfen.
Miroslaw Rogala sieht in dieser am Internet erlangten und zu verteidigenden Freiheit der Rede eine deutliche Parallele zum Geist des Panoramas. Berühmt wurde Rogala 1989 durch seine Videooper «Nature ist leaving us» und zuletzt in Deutschland mit «Lovers Leap» in einem sogenannten 12D-Environment. Ausgestellt am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie in Karlsruhe, drehte sich der Besucher immerzu im Kreis. Welche Position der Zuschauer auch einnahm, stets rotierten die Bilder an den Wänden mit, verdrehten sich, erlitten seltsame Achsverschiebungen: «Es gibt», so Rogala, «zu jeder Ansicht mindestens auch zwölf weitere Positionen, will heißen: andere Perspektiven auf den selben Gegenstand»: darum steckt im Panorama, das gewöhnlich nur des puren Illusionismus bezichtigt wird, nicht nur der Geist des Gesamtkunstwerks, sondern auch der Geist des Pluralismus. «Lover's Leap» ist auf der «artintact 2»-CD-ROM beim Cantz-Verlag erschienen.

Daß die freie Rede nichts anderes sei als eine perspektivische Verschiebung von Ansichten zu den im Grunde immer ähnlichen Wünschen und Hoffnungen der Menschheit, das versucht Rogala in seinem «eGarden» auf dem World Wide Web zu zeigen. Jeder hat die Möglichkeit, so er Audiofiles, also digitale Aufnahmen, am Computer herstellen kann, seine sehr eigenen Ansichten zu dem kunterbunten Sprachgewirr hinzuzufügen. Daß der am Internet sitzende Betrachter durch einen menschenleeren Garten scrollt und nirgendwo die körperliche Anwesenheit wirklicher Menschen verspürt, läßt das Ganze ein wenig unheimlich erscheinen. Trotzdem darf er davon ausgehen, daß seine Stimme nicht nur aus dem Internet, sondern auch aus einem der vier in den Bäumen aufgehängten Lautsprecher im ganz realen Washington Square Park herabschallen wird. Die freie Meinungsäußerung - eine Geistersoiree. Das Rederecht am Internet macht aus der Botanik sprechende Bäume. Wenn es schon die Poseure auf der Klappleiter kaum mehr gibt: die Masse sagt es eben durch die Äste.